Foto: Ulrich Wagner


Ein Zuhause auf Zeit
Im Ellinor-Holland-Haus finden Hilfsbedürftige ein sicheres Heim. Die Einzelfallhilfe der Kartei der Not läuft weiter wie bisher

Der Jubelschrei am anderen Ende der Telefonleitung gellt so laut, dass Monika Lechner den Hörer vom Ohr nehmen muss. Die Mitarbeiterin der Kartei der Not hat gerade einer verzweifelten alleinerziehenden Mutter eine frohe Botschaft überbracht. Maria K. (Name geändert), deren bisheriges Leben von Sorgen geprägt war, darf mit ihren drei kleinen Kindern Anfang 2016 ins Ellinor-Holland-Haus ziehen. Dort will sie endlich eine Berufsausbildung machen, lernen, auf eigenen Beinen zu stehen, und gleichzeitig für ihre Mitbewohner da sein. Wie Maria K. setzen viele verzweifelte Menschen ihre ganze Hoffnung auf das Ellinor-Holland-Haus. In diesen Tagen mischt sich dort noch Kinderlachen mit Baulärm. Ausgelassen spielen Mädchen und Buben in der Kindertagesstätte, die bereits seit September in Betrieb ist. Unterdessen sind in den künftigen Wohnungen und Gemeinschaftsräumen Handwerker mit den allerletzten Arbeiten beschäftigt. Hier, im Augsburger Textilviertel schlägt die Kartei der Not, das Leserhilfswerk unserer Zeitung, ein völlig neues Kapitel des sozialen Engagements in der Region auf.
In dem Bau werden ab 2016 rund 80 notleidende Menschen in 28 Wohnungen ein beschütztes Zuhause auf Zeit finden. Alleinerziehende mit Kindern, Familien mit behinderten Kindern, Senioren sowie chronisch kranke oder behinderte Menschen erhalten hier Unterstützung auf dem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben.
Benannt ist das Haus nach einer Frau, die als Kriegsflüchtling selbst bittere Entbehrungen litt und sich deshalb dem Kampf gegen die Not in unserer Mitte verschrieben hat: Ellinor Holland. Die 2010 verstorbene Herausgeberin unserer Zeitung hob vor 50 Jahren die Kartei der Not aus der Taufe. Das Leserhilfswerk hat sich unter ihrer Leitung stetig weiterentwickelt. Mit rund 40 Millionen Euro konnte die Not in unserer Heimat seither gelindert werden. Heute hilft die Kartei jährlich rund 2500 Mal, wenn Menschen aus der Region ohne eigene Schuld in Schwierigkeiten geraten.
Ellinor Holland träumte von einem großen Projekt, das auch den Menschen hilft, denen mit einer einmaligen finanziellen Unterstützung nur unzureichend geholfen werden kann. Jenen Menschen, die ein ganzes Paket von Problemen mit sich herumschleppen - und an dieser Last zu zerbrechen drohen. Doch Ellinor Holland hatte nicht mehr die Zeit, dieses Projekt umzusetzen.
Seit ihrem Tod führen ihre Töchter Ellinor Scherer und Alexandra Holland das Leserhilfswerk in die Zukunft. Sie griffen die Idee ihrer Mutter auf und entwickelten ein Hilfsprojekt, das bundesweit bereits jetzt als vorbildhaft gilt. Ellinor Scherer und Alexandra Holland: „Mit dem Ellinor-Holland-Haus wollen wir Menschen helfen, die nach einem schweren Schicksalsschlag für eine Übergangszeit Unterstützung und Beratung im Rahmen eines betreuten Wohnens brauchen.“ So ist das Ellinor-Holland-Haus weit mehr als nur ein Wohnheim. Im Gebäude gibt es etwa einen Tante-Emma-Laden mit Café. Mit beiden hat es eine besondere Bewandtnis. Hier sind längst nicht nur die Bewohner willkommen. Auch Anwohner und Gäste können in den einladend-modern gestalteten Räumen ein selbst gekochtes Mittagessen genießen oder den Einkauf erledigen. So wird das Ellinor-Holland-Haus zu einer Begegnungsstätte für die ganze Nachbarschaft. Doch das Entscheidende ist: Im Laden und im Café können Hausbewohner eine Ausbildung absolvieren - im Einzelhandel oder in der Gastronomie. Das ist sogar in Teilzeit möglich - wichtig vor allem für Alleinerziehende wie Maria K.. Hier kooperiert die Kartei der Not mit dem Augsburger Bildungsdienstleister BIB - das steht für „Bildung, Integration und Beruf“.
Das Berufsbildungsangebot, so zeigt sich bereits jetzt, ist für manche der künftigen Hausbewohner ein wahrer Rettungsanker. Maria K. etwa hat schon früh Kinder bekommen. Dadurch ist sie in Sachen Ausbildung ins Hintertreffen geraten. Nachdem die Beziehung zum Vater der Kinder zerbrochen ist, will sie endlich auf eigenen Beinen stehen. Bisher lebte sie in einer Jugendhilfeeinrichtung, bald zieht sie ins Ellinor-Holland-Haus, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.
Wenn die junge Frau im Tante-Emma-Laden eine kaufmännische Ausbildung macht, werden ihre Kinder bestens versorgt. Die vom Arbeiter-Samariter-Bund Augsburg betriebene Kindertagesstätte mit Platz für 75 Kinder - auch aus der Nachbarschaft - arbeitet nach dem Montessori-Prinzip. Das Motto lautet: Hilf mir, es selbst zu tun. „Ein Gedanke, der besonders gut zur Kartei der Not passt“, finden Ellinor Scherer und Alexandra Holland. Hilfe zur Selbsthilfe - das wünschen sich auch die großen Hausbewohner wie Maria K. Sie finden im Ellinor-Holland-Haus jemanden, der an sie glaubt, ihnen Mut macht und mit ihnen Pläne für eine bessere Zukunft schmiedet. Jemand, der sich kümmert. Im Konzept des Projekts ist ein solcher „Kümmerer“ von Anfang an ein Eckpfeiler.
Der Kümmerer, das war klar, muss über große Erfahrung in der Sozialarbeit verfügen, Nerven wie Drahtseile haben, mitfühlend, aber auch mal streng sein können. Auf Susanne Weinreich trifft das zu. Die Sozialpädagogin hat ihre Arbeit bereits aufgenommen und wird den Hausbewohnern künftig zur Seite stehen. Derzeit läuft die Auswahl der künftigen Bewohner. In den Gesprächen mit den Bewerbern geht es vor allem um die Motivation, den Willen zur Veränderung. „Wir werden mit jedem eine Art Reiseplan in die Unabhängigkeit aufstellen“, sagt sie. Nach etwa drei Jahren sollen die Bewohner die Ziele erreicht haben. Dann werden sie wieder ausziehen. Und was passiert danach?
„Niemand wird alleingelassen“, sagt Susanne Weinreich. Die Kartei der Not werde die ehemaligen Bewohner weiter mit Rat und Hilfe unterstützen. Die meisten Bewohner werden laut Susanne Weinreich alleinerziehende Mütter und ihre Kinder sein. Aber auch andere Menschen, die durch Behinderung, Krankheit, einen Schicksalsschlag oder eine Familientragödie aus dem normalen Leben katapultiert worden sind, finden ein Zuhause. Meist haben sie einen langen Leidensweg hinter sich. Im Ellinor-Holland-Haus bekommen sie Hilfe für den erfolgreichen Neustart.
Ihr Leben wieder in den Griff bekommen möchte auch die 35 Jahre alte Gisela C. (Name geändert), die zwei Kinder im Schulalter hat. Durch eine schwere Krankheit ist sie aus dem Berufsleben geworfen worden, konnte dadurch ihre Wohnung nicht halten. Ihr Ziel ist es, im Ellinor-Holland-Haus den Wiedereinstieg in den Beruf zu schaffen und sich in der neuen Situation zurechtzufinden.
Unter den künftigen Bewohnern ist auch die Seniorin Ruth L. (Name geändert), die nur sehr wenig Rente bekommt. Sie will nicht alleine leben, fühlt sich noch zu jung, um in ein Seniorenheim zu ziehen. Im Ellinor-Holland-Haus freut sie sich auf die Gemeinschaft, will sich einbringen. Etwa, indem sie mal als „Leih-oma“ die Kinder von Maria K. hütet - während diese ihre Ausbildung absolviert. Auch Nachbarschaftshilfe unter den Bewohnern ist Teil des Konzepts. Jeder soll sich nach seinen Fähigkeiten und Kenntnissen einbringen: Nähkurse geben, kochen, kleine Renovierungsarbeiten ausführen, gärtnern …
Auch bisher hätten die Menschen, die jetzt in das Ellinor-Holland-Haus ziehen, mit der Hilfe der Kartei der Not rechnen können - etwa mit einer Beihilfe für Möbel oder einem Zuschuss zum Umzug. In ähnlichen Fällen hat das Leserhilfswerk im Laufe der Jahre tausende Male geholfen. Und wird dies auch in Zukunft tun. „Die bewährte Einzelfallhilfe geht natürlich unverändert weiter“, betonen Ellinor Scherer und Alexandra Holland. „Doch mit dem Ellinor-Holland-Haus hat die Kartei der Not nun ganz neue Möglichkeiten, unverschuldet in Not geratenen Menschen aus unserer Heimat unter die Arme zu greifen. Wir können nun noch nachhaltiger helfen.“
Maria K. jedenfalls ist fest entschlossen, die Chance zu nutzen. „Jetzt wird alles gut“, sagt sie. Und schreit gleich noch mal laut ins Telefon - vor lauter Glück.
(Von Bernhard Junginger)
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„Die Not vor unserer Haustür geht uns alle an.“ Ellinor Holland
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Ellinor-Holland-Haus
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86153 Augsburg
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